Was ist Gemeinde? 1 Korinther 3:11

Dienstag, 17. Januar 2012 von Edwin Boschmann

 „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

 

Gemeinde. Unter dem Wort verstehen viele verschiedene Menschen verschiedene Dinge. Das liegt vor allem an den eigenen Erfahrungen, die man in diesem Bereich gesammelt hat. In den Kirchen Deutschlands wird auch noch differenziert zwischen Gemeinde und Kirche, da das Wort Kirche stark historisch geprägt ist, und nicht unbedingt das ausdrückt, was wir mit dem Begriff Gemeinde ausdrücken wollen – Gemeinschaft, Teilhabe, Verantwortung, Zeuge für Christus im Alltag sein und vieles mehr.

Mit dieser Thematik will ich mich in nächster Zeit etwas mehr befassen. Wir sind Gemeinde. Hier auf dem Thomashof – in Karlsruhe und Umgebung. Was heißt das für uns? Doch anfangen wollen wir mit den Anfängen.

 

I. Wo liegen die Anfänge der Gemeinde?

Die Anfänge der Gemeinde sind direkt mit dem Leben, Sterben und mit der Auferstehung Christi verbunden. Das öffnet für mich eine zentrale Frage: Wollte Jesus die Gemeinde ins Leben rufen? Wenn ja, wie sollte sie aussehen? Auf die erste Frage will ich etwas eingehen. Auf die zweite Frage gehen wir in späteren Gottesdiensten ein.

Nur in Matthäus 16:18 und 18:17 finden wir das Wort Gemeinde (ekklesia) in den Evangelien. Obwohl das Wort in den Briefen viel erwähnt wird, die ja selber auch fast immer an Gemeinden geschrieben wurden, ist im Leben von Jesus eigentlich nicht davon die Rede. Wenn sich dieses Konstrukt Gemeinde auf Jesus beruft, wieso hat er selber nicht viel mehr darüber berichtet? Bei Jesus stand das Reich Gottes im Zentrum – das ist was er ständig proklamiert hat. Und doch finden wir genügend Andeutungen, dass wir nicht total im Regen stehen gelassen werden. Zum Beispiel fordert Jesus Petrus eindeutig auf, sein Volk zu führen: Weide meine Schafe (Johannes 21:15). Damit meinte er das Volk Gottes, welches Führung brauchen würde, nachdem er selber zum Vater gehen würde. 

Aber auch der Text aus Matthäus 16:18 ist aufschlussreich. Hätte Jesus eine baldige Rückkehr erwartet, dann hätte er die Gemeinde nicht ins Werden gerufen. Dann hätte Jesus diese Bestätigung dem Petrus gar nicht geben brauchen, dass er Verantwortung für die anfangende Gemeinde tragen sollte. Und doch muss festgehalten werden: Jesus selber hat nicht die Gemeinde organisiert oder ins Leben gerufen. Allerdings ist sein Leben und seine Lehre die Basis, der Grund, auf dem die Gemeinde gegründet ist. Erst die Jünger Jesu fingen an, Gemeinde auf den Namen Christi zu bauen.

 

II. Die ursprüngliche Bedeutung

Doch zuvor noch einige Informationen zum eigentlichen Wort Gemeinde. Ekklesia ist das griechisch - biblische Wort, was bei uns heute normalerweise als Gemeinde oder Kirche übersetzt wird. Es stammt aus dem zusammengesetzten Wort Ek-kaleo, was so viel bedeutet wie herausgerufen. Es war ursprünglich im alten Griechenland und im Alten Testament der Ruf der Armee, sich zu sammeln. Das Wort entwickelte sich und bedeutete dann die Versammlung der wahlberechtigten Bürger einer Stadt. Diese hatten das Recht Gesetze zu erlassen oder zu ändern und sich um innen- und außenpolitische Belange zu kümmern.

 

Ekklesia war eine politische Plattform der Demokratie. Dieses Wort wurde historisch aber auch für religiöse Versammlungen jeglicher Art benutzt. Dafür gab es aber auch Worte wie z.B. synodos (heute Synode) oder koinos (heute Gemeinschaft).

 

III. Die Synagoge als Vorbild

Synagoge wäre eine Möglichkeit gewesen das hebräische qahal zu übersetzen, da es die Sammlung von Leuten oder Dingen bezeichnete. Es war aber zur Zeit Jesu so vorbelastet mit dem Gedanken der jüdischen Gebetshäuser, dass es keinen Eingang in die Bibel fand. Für die neutestamentliche Gemeinde brauchte man ein Wort, was etwas anderes ausdrückte. Es ist trotzdem hoch interessant, dass die Bibel nicht das Wort Synagoge für die Gemeinschaft der Gläubigen benutzt (außer in Jakobus 2:2), da die Jünger, und Jesus selber, doch jüdischen Ursprungs waren. Es war eben ein Terminus Technicus für die jüdische Religion von Gesetz und Tradition. Konnte man Gesetz und Tradition, Liturgie und Institution der jüdischen Synagoge mit Freiheit in Christus vom Gesetz, Errettung, und Gnade unter einem Hut bekommen? Es war unmöglich.

Der Einfluss, die Art und Weise wie Gottesdienst gefeiert wird, ist aber in vielen Bereichen der Synagoge entnommen. Es gibt Zeiten für Gesang, Zeiten des Gebets, Zeiten um die Bibel zu lesen und Zeiten, in denen die Bibel ausgelegt wird. Und doch war die Form, der Inhalt eine ganz andere als die der Synagoge. In der Gemeinde steht Christus im Zentrum. In der Synagoge das Einhalten der Tora und der jüdischen Traditionen.

 

IV. Wie sahen die frühen Täufer Gemeinde?

Menno Simons und die frühen Täufer haben sehr schnell das Wort Gemeinde benutzt und das Wort Kirche gemieden, um das griechische Wort Ekklesia zu übersetzen. Kirche war das, woraus sie geflohen waren und was sie verfolgte. Kirche war Institution und Liturgie, Gesetz und Tradition, so wie halt früher die Synagoge. Es war wieder nicht Freiheit in Christus, Errettung oder Gnade. So distanzierte man sich in der Reformation unter anderem durch die Wortwahl von der offiziellen Kirche.

Die Wortwahl allein macht nicht den Unterschied. Es prägt aber das Denken der Menschen und warum sie sich von anderen distanzieren. Es zeigt Tendenzen, die mir wichtig sind, um zu begreifen woher wir kommen und um zu begreifen, was wir heute als Mennonitengemeinde Karlsruhe-Thomashof sein wollen oder was wir eben nicht sein wollen. So ist uns Gemeinschaft, ein Miteinander unter der Führung Jesu Christi sehr wichtig. Das spiegelt sich im Wort Gemeinde viel besser als im Wort Kirche.

Gemeinde steht für ein klares Ja zu einer eschatologischen Gemeinschaft, die was Neues in Christus ist. In aller Fehlbarkeit muss dieses Neue sichtbar in der Gemeinde werden. Sonst ist Gemeinde nicht zur Errettung sondern zur Fesselung der Menschen da.

 

V. Was bedeutet das für uns heute?

Ekklesia ist eine Gruppe von Menschen, die charakterisiert sind durch die Auferstehung Jesu. Es ist nicht zu verwechseln mit der basileia, dem Königreich Gottes, welches wesentlich größer und umfangreicher ist. Und doch ist es die Stelle, in der Christen vor Ort ihrem Glauben Ausdruck verleihen. Sich untereinander stärken und Kraft von Gott bekommen. Es ist die Stelle, in der wir als einzelne Verantwortung übernehmen, für die unsrigen sowie auch für Belange vor Ort und weltweit.

Gemeinde. Es ist eine menschliche Organisation, die von Gott gewollt und durchdrungen ist. Gemeinde: Es ist die Stelle, an der mein Leben in Christus und mit Mitgläubigen geerdet ist. Es ist kein Schlaraffenland. Aber es ist Übungs- und Lehrplatz für meinen Glauben. Ist es das auch für dich?

 

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