Höre auf Gott und handle Genesis 18:1-8

Dienstag, 24. Januar 2012 von Edwin Boschmann

Heute ist Weltgemeinschaftssonntag. Jedes Jahr wird der Gottesdienst von einem anderen Kontinent vorbereitet. Es ist ein Gottesdienst, an dem wir uns unserer weltweiten Geschwisterschaft in ganz besonderer Weise erinnern. Wir sind nicht alleine als Gemeinden hier in Deutschland. Nein, weltweit sind Mennoniten vertreten, in ganz verschiedenen Gemeinden. Mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Wir gehören zu etwas, was viel größer ist als die Mennonitengemeinde Karlsruhe-Thomashof. Und die gesamte Mennonitische Geschwisterschaft ist auch nur ein Auszug aus dem, was Gottes Familie weltweit ausmacht. Aber es ist ein sichtbares Zeichen, zu dem wir gehören. Dafür wollen wir dankbar sein. Sichtbar wird diese unsere Gemeinschaft an solchen Gemeinschaftssonntagen, an der Mennonitischen Weltkonferenz, der MERK oder anderen Konferenzen.
Die Predigt heute wurde von Gerke van Hiele aus den Niederlanden vorbereitet. Ich habe seine Vorlage übernommen. Doch nun zum Text:

„Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. 2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde 3 und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. 4 Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. 5 Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast. 6 Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feinstes Mehl, knete und backe Kuchen. 7 Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab's dem Knechte; der eilte und bereitete es zu. 8 Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum und sie aßen.“

Alttestamentler bemerken, dass Abrams Verhalten sich zu ändern scheint, nachdem Gott ihn segnet, den Bund mit ihm bestätigt und ihm und seinen Nachkommen die Beschneidung der männlichen Kinder gebietet. Diese Veränderung drückt sich auch in Abrams neuem Namen aus: Abraham, so wie Sarai zu Sarah wird. Der hebräische Buchstabe He wird ihren Namen zugefügt, als Zeichen ihres neuen Bundes mit Gott. Von nun an sind ihre Leben untrennbar verwoben mit Gott, und sie werden den Namen des Herrn hochhalten. „Geheiligt werde dein Name... dein Wille geschehe“. Abraham und Sarah sind wahrhaft gesegnet.
Doch obwohl Abraham und Sarah ihre neue Stellung akzeptiert haben, ist es klar, dass sie in ihren Herzen immer noch Zweifel haben. Der Herr hat ihnen eine neue Zukunft verheißen – doch wann, wenn überhaupt, wird diese Zukunft eintreten? Am Beginn dieses Abschnitts ist eine gewisse Mattheit und Müdigkeit zu spüren. Abraham sitzt vor seinem Zelt in der Hitze des Tages. Der Frühling ist vorüber und die Erde ist verbrannt, vertrocknet und unfruchtbar. Die Szene erinnert mich an das Gedicht „The Waste Land“ des englischen Dichters T.S.Eliot: „Hier ist kein Wasser sondern nur Fels / Fels und kein Wasser und die sandige Straße / Die Straße windet sich hoch in die Berge“.
Wird es je neue Anfänge geben? Sie werden kommen, aber sie brauchen Zeit. Der Herr lebt im Verborgenen unter uns. Wir können ihn in unserem alltäglichen Leben finden, ganz nahe unseren Herzen und Wohnungen, so gewöhnlich, und doch so außergewöhnlich. Wie es in Psalm 113,4-6 steht: „Der Herr ist hoch über alle Völker; seine Herrlichkeit reicht, so weit der Himmel ist. Wer ist wie der Herr, unser Gott, im Himmel und auf Erden? Der oben thront in der Höhe, der herniederschaut in die Tiefe“ (Luther 1984).
Der Herr will den Menschen nahe und vertraut sein, er will verjüngen und wieder herstellen, er will ihre Hoffnungen erneuern und zu Neuanfängen ermutigen. Gott besucht sowohl die Kranken als auch die Starken, die Bedürftigen und die Hoffnungslosen.
Gastfreundschaft
Abraham ist nur zu begierig, Gäste in seinem Zelt zu empfangen. Der biblische Erzähler scheint mit Begeisterung alle Einzelheiten der Begrüßung wiederzugeben, einschließlich des gastfreundlichen Akts der Fußwaschung. Nun, da er die Gegenwart Gottes in seinem Leben empfangen hat, kann Abraham auch andere Menschen in seinem Leben und seiner Wohnung empfangen.
Es geht um Verbindung und Brückenschlag. Abraham ist fest mit dem Herrn verbunden und geht auf andere zu. Man könnte sagen, dass er sich wie ein Partner Gottes verhält. Er nimmt seine Verantwortung für das Wohlsein von Gottes Geschöpfen an.
Ein bezeichnendes Detail in der Geschichte macht deutlich, was sich geändert hat. Am Anfang der Geschichte standen die drei Engel 'vor' (oberhalb von) Abraham (v. 2). Aber ein wenig später steht Abraham 'vor' (oberhalb von) ihnen (v. 8). Eine jüdische Geschichte malt aus, dass die Engel anfangs nicht viel Respekt für Abraham hatten. Er schien ihnen krank und schwach, ein verletzlicher Mensch. Als Michael und Gabriel merkten, wie gastfreundlich und freundlich er war, mussten sie seine Überlegenheit anerkennen. Hier war ein Mensch, der auf die Bedürfnisse anderer achtete. Hier war jemand, der Herr  seiner eigenen Bedürfnisse und Gefühle war. Hier war jemand, der nicht nur seine eigenen Interessen im Auge hatte. Abraham wuchs über sich hinaus und gewann ihren Respekt.
Tatsächlich können Menschen wachsen, ihre natürlichen Bedürfnisse, Wünsche und Begrenzungen hinter sich lassen. Menschen können lernen, nicht einfach das zu tun, was sie gerade wollen. „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe“, betete Jesus in Gethsemane. Menschen des Glaubens kennen höhere Befehle.
Hebräer 13,1-2 fordert uns auf: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Im griechischen Urtext wird diese Grundhaltung der Liebe mit unterschiedlichen Worten beschrieben, einschließlich philadelphia (brüderliche Liebe) und philoxenia (Liebe zum Fremden).
Biblisch gesprochen ist Liebe nicht so sehr ein Gefühl, sondern etwas, was du tust. Es ist ein Verb, sowohl grammatisch als auch geistlich. Gastfreundschaft bedeutet, einem Fremden einen Platz in der eigenen Wohnung anzubieten und ihn mit dem zu versorgen, was er an diesem Tag braucht. In einer Welt ohne Gastfreundschaft kann niemand jemals wirklich Zuhause sein.
Drei Perspektiven
1. In unseren westlichen Gesellschaften tun wir uns schwer mit Gastfreundschaft. Unsere Gesellschaften verändern sich stark, es gibt neue Spannungen, Bedrohungen und Herausforderungen. Gastfreundschaft, oder vielmehr ihr Fehlen, ist ein wirkliches Problem. Es gibt nicht nur keine Liebe für den Fremden, sondern sogar Fremdenfeindlichkeit, eine Mischung aus Angst und Hass. Was bedeutet es in diesem Kontext, Fremde aufzunehmen?
2. Unsere Gemeinschaften tun sich schwer damit, offener für die Menschen zu werden, die den Kontakt zur Kirche verloren haben und in einer säkularen Gesellschaft leben. Wie können wir Menschen helfen, eine neue und bedeutungsvolle Verbindung zum Evangelium und zur christlichen Gemeinschaft zu finden? Was bedeutet Gastfreundschaft in einem missionarischen Kontext? Was halten wir für entscheidend für unsere Botschaft, und was könnten wir Menschen außerhalb der Kirche tatsächlich anbieten?
3. Auf einer persönlicheren Ebene: wie erhalten oder gewinnen wir uns offene Herzen? Wir sind freie und unabhängige Individuen, aber damit auch vereinzelt. Was bedeuten uns Tradition und Gemeinschaft? Wie können wir in unserem Glauben und Leben als JüngerInnen Christi wachsen, die neue Wege gefunden haben, die Herzen von allen zu berühren? Wie bleiben wir eins mit ihm in unseren Herzen (1. Joh 3,17)?
Möge Gottes Geist unsere Herzen und Hände inspirieren.

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