Gottes Reich in einer vermarkteten Welt Amos 5:24
Dienstag, 11. Oktober 2011 von Edwin Boschmann
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“
Vergangene Woche hatten wir die Theologischen Studientage hier auf dem Thomashof. Das Thema lautete: „Gottes Reich in einer vermarkteten Welt“. Prof. Dr. Claudia von Braunmühl hat die Hauptreferate gehalten. Dann gab es noch Bibelarbeiten und weitere Programmpunkte. Alles in allem ein hoch aktuelles Thema bei dem man zu Recht fragen muss, was die Bibel dazu sagt.
Gerechtigkeit, Recht. Das sind Worte die ständig in der Bibel benutzt werden. Wie wichtig ist es uns, dass wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen? Ist es uns zu praktisch, so dass wir nichts damit zu tun haben wollen? Oder gar zu abstrakt, so dass wir damit nichts anfangen können? Wo sind wir persönlich betroffen? Wo treffen wir andere mit unserem Verhalten? Wir alle kennen die Leidenschaft von Willi Funck mit dem 3. Welt Stand. Ihm ist es nicht egal im Kleinen tätig zu werden – und dafür zu werben – in unserem Kreis – immer wieder.
I. Der Istzustand: Amos und wir
Die damalige Situation von Amos war dramatisch. Da wollen wir nichts schönreden. Ich bin froh, dass ich nicht damals gelebt habe. Amos prangert folgende Dinge an:
- Gebiete sind durch Kriege entvölkert. Viele Menschen wurden verschleppt.
- Geschlossene Bünde mit Gott, aber auch mit Nachbarstaaten, wurden gebrochen.
- Völker haben sich mit dem Schwert bekämpft. Es wurde kein Mitleid gezeigt.
- Es gab unversöhnliches Festhalten am Zorn.
- Schwangere Frauen wurden aufgeschlitzt.
- Die Weisungen des Herrn wurden missachtet – die Gebote nicht befolgt.
- Verschiedenste Götter wurden angebetet.
- Das Recht der Schwachen wurde gebeugt. Die Armen wurden unterdrückt.
- Der Staat und die Reichen waren korrupt geworden.
- Sohn und Vater gehen zum selben Mädchen.
- Gepfändete Kleider werden nicht zurückgebracht.
Wenn man diese Liste sieht, und da gibt es mehr, dann wird einem geradezu schlecht. Es ist Kriegszustand mit allen dazugehörigen Übeln.
Bei uns ist auch nicht alles in Ordnung. Der Professor der Prinston-Universität, Nobelwirtschaftspreisträger Paul Krugman sagt, es gibt keine Gerechtigkeit. Er sagt: „Es ist wichtig zu begreifen, dass wir zeugen des Scheiterns der Wirtschaftspolitik sind. Wir dachten dass es nicht geschehen wird. Wir dachten, dass wir eine Lehre aus der Großen Depression gezogen hatten und nun vieles über die Wirtschaft wissen. Wir dachten, dass wir die Fehler unserer Urgroßväter nicht widerholen. Doch faktisch tun wir das.“ Und dann weiter: „Die wirtschaftlichen Kennziffern sind an beiden Seiten des Atlantiks sehr schlecht. Wenn sie fragen, wer diese Last tragen wird, dann bekommen sie eine Antwort, dass es Arme sein werden. Das wird ein Rückgang sein. Die ärmsten Menschen leiden am meisten.“ In den Studientagen gab Prof. Braunmühl viele Beispiele, z.B. die mit EU Geldern finanzierte Bewässerungssysteme in Südsomalia. Dort wird Soja und Sesam für den Export nach China produziert. Der Coltanabbau für die Handyindustrie im Kongo wurde erwähnt. Sie sagte auch sehr eindrücklich, dass wir eine Clubgesellschaft sind. Unser Leben ist nicht für alle Menschen auf der Erde exportierbar. Das würde die Umwelt so stark belasten, dass wir mehrere Welten bräuchten um damit fertig zu werden. Auch bräuchten wir mehrere Globusse, um mit so einem großen Energieverbrauch weltweit fertig zu werden. Somit stellen sich uns die Fragen, ob wir tatsächlich auf so einem hohen Niveau leben müssen. Was ist unsere christliche Reaktion? Wie können wir tätig werden? Wie können wir mehr Gerechtigkeit in unsere Welt hineinbringen?
II. Sollzustand: Was ist unser Ziel?
Die Welt ist komplex geworden. Vieles hängt zusammen, was wir eher als nicht zusammenhängend wahrnehmen. Wenn ich ein Hemd kaufe, dann bewegen sich viele Bereiche auf der ganzen Welt. Amos seine Aufforderung ist unüberhörbar: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“
Nicht umsonst hat sich Fernando Ens darum bemüht, im Ökumenischen Rat der Kirchen das Thema Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu forcieren. Es war eine Dekade lang Thema des ÖRK. Und man hat gemerkt, dass nicht abgeschlossen werden konnte. Besonders das Thema Frieden überschattet die anderen Bereiche und ist weltweit nach wie vor ein großes Problem.
Amos sagt in Kapitel 5:14: „Sucht das Gute, nicht das Böse; dann werdet ihr leben.“ Paulus schreibt in Römer 14:17: „Das Reich Gottes ist… Gerechtigkeit und Friede.“ Wie gesagt, ich bin froh, dass wir nicht solch einen Zustand haben, wie er in Amos berichtet wird. Das gilt allerdings nur bei uns. In vielen Ländern ist es nicht besser als damals. Und in vielen Bereichen sind wir mit verantwortlich dafür, dass es so ist. Es geht uns so gut, weil es anderen so schlecht geht. Somit nochmals die Frage: Wie können wir Gottes Reich in unserer weltweit vermarkteten Welt ausleben? Was ist unsere Aufgabe? Wo sind wir überfordert? Das sind nicht leichte Fragen.
Ich will gar nicht erst versuchen, die Fragen zu beantworten. Das würde zu weit führen und mich persönlich überfordern. Aber anreißen will ich einige Ideen doch.
- Das Reich Gottes sind nicht nur Menschen. Gott hat das ganze Universum erschaffen. Wenn wir es mit Macht mit Füßen treten, dann ist das ein direkter Affront gegen Gott. Somit ist die Bewahrung der Schöpfung nicht nur Beiwerk unseres Glaubens, sonder verkörpert den Frieden, den Gott auf dieser Erde einkehren lassen möchte.
- Das Reich Gottes beinhaltet auch Menschen. Somit ist unser Umgang miteinander nicht egal. Gott ist insbesondere ein Anwalt der Armen und Unterdrückten. Wenn ich also Produkte kaufe, die fair gehandelt sind, dann hat das direkte Konsequenzen für normalerweise unterdrückte Personen in anderen Teilen der Welt. Allerdings muss ich zugeben, dass dieser Bereich sehr komplex und undurchschaubar ist. Wir werden nie komplette Gerechtigkeit erzielen können. Egal darf es uns aber nicht sein. Dazu zähle ich das nicht abtragen von Kleidern und das Wegwerfen von Lebensmitteln. Wir schmeißen mit vollen Händen weg, was anderswo mit viel Mühe produziert wurde.
- Das führt mich zum Erkennen eigener Schuld und Unzulänglichkeit. Immer wieder müssen wir beten: Vergib uns unsere Schuld! Wir schaffen es nicht komplett gerecht zu handeln. Soweit es uns möglich ist, sollten wir es aber tun. Auch in unserem Kaufverhalten, in unserem Kleidungsverhalten, in unserem Umgang mit Geld und Ressourcen, etc.
- Wir im Westen sind die Reichen dieser Welt. Das bringt Verantwortung mit sich. Es ist unsere Aufgabe als Christen für die zu sprechen, die sowieso nicht gehört werden. Wir haben die Möglichkeit unsere Regierungsvertreter anzuschreiben und sie auf Missstände aufmerksam zu machen. Solche Briefe werden sehr wohl wahrgenommen.
- Das Verständnis von früher, nur die Seelen für Christus zu retten, greift zu kurz. Das ist ohne Zweifel wichtig. Gott hat uns Menschen in Beziehung zueinander gestellt. Und er hat uns in Beziehung zu unserer Umwelt gestellt. Gott will in allen diesen Bereichen mit seinem Frieden Einzug halten.
Was tun mit all diesen Informationen? Wir können nicht alles ändern, auch können wir uns schwer aus unserer Umwelt zurückziehen. Aber wir können ins Gespräch kommen. Wir können über Gerechtigkeit im Sinne Gottes sprechen und unseren, wenn auch kleinen, Beitrag leisten, dass nicht alles so weitergeht wie bisher. Frau Prof. Braunmühl sagte etwas, was ich für sehr hilfreich fand. Wir können nicht alles tun. Wir dürfen uns aber mit Freuden in dem Bereich engagieren, der uns bewegt. Das halte ich für sehr weise.
Ich wünsche mir die Worte von Amos in meinem Herzen, in meiner Realität und in unserer Gemeinde: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Möge uns unser Herr zeigen, was für uns dran ist, und mögen wir dann auch tatsächlich in unserem Umfeld aktiv werden.

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