Du bist doch unser Vater Jesaja 63:15-16; 64:3b

Dienstag, 6. Dezember 2011 von Edwin Boschmann

Kaum zu glauben, aber die Adventszeit hat begonnen! Wieder ist ein Jahr vergangen. Wie ein Blitz. Ein paar Wochen voller Stress und Anstrengung bleiben. So die Realität der allermeisten von uns. Dann kann man hoffentlich nach Weihnachten alle Viere von sich strecken und durchatmen. So zumindest die Hoffnung.

Was für eine besondere Hoffnung bleibt uns da noch im Advent, wenn wir genauso gehetzt sind wie der Rest der Bevölkerung? Im Text von Jesaja 63 + 64 werden wir auf etwas Wesentliches gestoßen. Da steht:

 „15 Herr, sieh herab von deinem Himmel, wo du in Heiligkeit und Hoheit thronst! Wo ist deine brennende Liebe zu uns? Wo ist deine unvergleichliche Macht? Hast du kein Erbarmen mehr mit uns? Wir spüren nichts davon, dass du uns liebst! 16 Herr, du bist doch unser Vater! Abraham weiß nichts von uns, auch Jakob kennt uns nicht; unsere Stammväter können uns nicht helfen. Aber du, Herr, bist unser wahrer Vater! »Unser Befreier seit Urzeiten« – das ist dein Name.“„3 Noch nie hat man von einem Gott gehört, der mit dir zu vergleichen wäre; noch nie hat jemand einen Gott gesehen, der so gewaltige Dinge tut für alle, die auf ihn hoffen.“ (Gute Nachricht)

 

In den Versen die wir gelesen haben, haben wir ein Gebet Jesaja zu seinem Gott. Immer wieder haben wir in Jesaja den wunderbaren Blick auf eine herrliche Zukunft im Reich Gottes. Und dann werden wir wieder auf den Teppich gebracht. Noch ist es nicht soweit. Noch sind wir ernüchtert durch all das, was so schlimmes um uns geschieht. Es geht dem Volk Gottes noch nicht so gut, wie die Versprechungen für die Zukunft sind. Ja, es ist eher gegenteilig. Vieles geht eher schlecht. Menschen leiden. Und auch heute ist es eher die Ausnahme, dass es Christen auf dieser Welt so gut geht wie uns hier in Deutschland. Viele gehen den Weg des Kreuzes und des Leidens, wie Jesus ihn gegangen ist.

 

  1. I.                  Das göttliche Haus                                              Verse 15-16

Jesaja bettelt Gott an. Er lebt in einer historisch schwierigen Zeit. Es gibt viele Kriege in und um Israel herum. Es geht dem Volk dreckig. Wie kann das sein? Dabei war das früher doch ganz anders. Gott hat so mächtig gehandelt. In der Geschichte des Alten Testaments ist Gott immer wieder sichtbar geworden. Beim Auszug aus Ägypten, da gab es so viele Zeichen und Wunder. Bei der Landeinnahme unter Josua. Immer wieder war Gott da. Dann bei den großen Königen. Saul, David und Salomo haben ständig Gott erlebt. Und die vielen anderen kleinen und großen Geschichten vom Handeln Gottes.

Warum ist jetzt nichts davon zu spüren?, fragt sich Jesaja. Gottes Hingabe wird zurückgehalten. Warum? Früher hat sich Gott in der Geschichte Israels so wunderbar eingemischt. Warum nicht jetzt? Warum hält Gott seinen Segen zurück? Er ist doch immer noch ihr Vater. Auch wenn Abraham und Jakob nicht helfen können – sie sind ja längst tot, Gott kann es doch. Sein Wesen ist doch Barmherzigkeit. Die eigene Blutslinie kann nicht immer helfen. Aber warum scheint Gott so fern? Im Himmel, distanziert von uns? Ohne jegliches Interesse was mit uns geschieht? Hat Gott seine Versprechen vergessen? Wo ist Gottes Erbarmen (wörtlich: das Rummeln seiner Eingeweide)?

Johannes vom Kreuz nannte diese Erfahrungen „die dunkle Nacht der Seele“, die aus seiner Erfahrung im Gefängnis stammt (vom 2. auf den 3. Dezember 1577 kam er ins Gefängnis). Er wurde misshandelt und gefoltert, weil ein anderer Orden seine Gedanken für gefährlich hielt. Diese Gefühle der Leere, des Verlassenseins, können wir sehr wohl vor Gott bringen. Unsere Vorväter der Bibel haben das mit großer Ehrlichkeit getan. Warum sollen wir das nicht können?

Die Zukunftshoffnung und Naherwartung Gottes, wie wir sie hier im Text finden, ist immer stärker vorhanden, wenn es uns in unserer Lebenslage schlecht geht. Also in Kriegen, Dürren, Verfolgungen oder anderen schlimmen Situationen. In Situationen der inneren Ruhe und des Friedens, wie etwa jetzt bei uns, flachen diese Gedanken interessanterweise ab. Ich halte aber diese Perspektive der Zukunftshoffnung für wichtig, da sonst auch bei uns im Falle des Todes die Hoffnungslosigkeit umso größer ist.

 

  1. II.               Wenn Gott sichtbar wäre…                                        Vers 3b

In diesem Vers in Jesaja 64 geht es um die Gotteserfahrung. Ihn zu hören, ihn zu sehen. Darum geht es in unserem Glauben als Christen. Gott hat sich nicht von uns entfernt. Er ist erfahrbar. In 1 Johannes 1:1-4 steht: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens - 2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -, 3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“

Was Gott von anderen Göttern unterscheidet, ist dass er retten kann. Er ist der Erlöser. Er ist erfahrbar, wenn auch nicht auf Abruf. Nicht immer wenn wir möchten, erleben wir Gott. So funktioniert das nicht. Und doch wissen wir ihn bei uns. Er ist gegenwärtig.

Die Adventszeit ist Wartezeit. Es ist eine fröhliche Zeit. Ich hoffe aber, dass wir nicht nur auf St. Nikolaus, Weihnachtsbaum, Weihnachtskalender und Weihnachtsgeschenke warten. Wir sehen überall um uns herum, auf der ganzen Erde viel Elend. Uns geht es gut. Wir dürfen nicht klagen. Und doch werden wir umringt von Elend. So bleibt auch in unserem Herzen die Frage von Jesaja: Wie lange noch, bis sichtbar wird, was wir eigentlich von Gott wissen? Wie lange noch, bis für alle sichtbar wird, dass er gut ist, dass er denen Gutes tut, die auf ihn warten?

 

Das Buch Jesaja handelt über das Warten des Volkes Gottes auf einen Gott, der auf sich warten lässt. Es handelt über einen Gott, der sich in der Vergangenheit gezeigt hat, sich nun aber bedeckt hält. Aber Gott wird für die aktiv werden, die auf ihn warten. Gott wird aktiv werden. Das steht außer Zweifel.

Darum geht es im Advent. Wir warten. Noch sehen wir nicht, aber wir warten. Wir warten auf das, was gewiss kommen wird, aber noch nicht gesehen werden kann. Den Anfang der Einlösung der Versprechen hatten wir im Kommen Jesu auf diese Erde. Da wurde Gott in Jesus Christus Mensch – sichtbar, fühlbar, ertastbar für alle.

 

Dem einen mag es gut gehen. Vielen anderen nicht. Ich kenne eure Lebenslage nicht. Und doch erleben wir alle diese Zeiten des Wartens. Wie bei Jesaja. Wenn wir Gott erleben wollen und er sich doch nicht so zeigt, wie wir es gerne hätten. Auch wenn wir die Sicherheit haben, dass Gott da ist und wieder kommen wird.

Im Advent hat diese Wartezeit ihren festen Platz. Ich wünsche mir für diese Vorweihnachtszeit nicht nur Feier und Party, sondern auch Nachdenken und Hoffnung. Das wünsche ich euch. Wenn ihr nach Hause geht, dass ihr die kommende Woche für euch ausdrückt, was eure Hoffnung ist. Eure Hoffnung für diese Wochen. Eure Hoffnung für euer Leben. Und, dass ihr euren Frust ausdrückt, wenn nicht all euer Hoffen und Sehnen sich zu erfüllen scheint. Warten halt. Breitet es vor unserem Herrn und Heiland aus. Er kann unser Warten mit Hoffnung füllen.

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